Entspannung

Das Wasser in dem ich versuche mich zu ertränken ist heiß und sie sagen, es riecht nach Malven. Was immer das auch für ein Gewächs ist. In Wirklichkeit erinnert mich der Geruch eher an abgestandenes Red Bull. Apfel Hubba Bubba und Sauerstangen. Laut aufgestempelter Werbebotschaft sollte dieser Duft beruhigend auf die Sinne wirken, für Harmonie sorgen. Für Ausgeglichenheit. Was für ein kranker Witz. Ich frage mich, wer soll diesen Scheiß den glauben?
Das Wasser ist heiß und schwappt über meinem Kopf zusammen, bricht das letzte Licht bevor ich die Augen schließe um den Dreck nicht zu erlauben meine Pupillen zu entzünden. Die Welt wird schwarz und reduziert sich auf das hämmern meines Herzens. Noch.
Tauche ab in eine Welt des Schaums der ein angenehmes Hautgefühl verspricht, fühle tatsächlich ein kribbeln. Allerdings stammt dies nicht vom Wasser dieser Wanne. Seltsam, ich bin mir bewusst, dass meine rechte Hand ein Glas Rotwein in der Hand hält und auf meinem Bauch ruht, und ich zähle dennoch nur das pochen tief in meinem Kopf das alles zu verdrängen scheint. Pu Bumm. Pu Bumm. Drei. Vier.
Die Welt ist schwarz, hämmert im Rhythmus meines Herzens und vor meinem Auge beginnt die große Wahrnehmung. Lässt mich bewusst werden wie eng meine Luftröhre zugezurrt wurde, fühle umso mehr diese Klaue die mir die Lungen zu zerquetschen versucht. Unablässig. Seit Jahrhunderten.
Das hinterhältige Gedankenkino öffnet seine Tore, Filmabspielmaschinen werfen blendendes Licht irgendwohin. Weit weg und doch so tief in mir. Die ersten Schatten flimmern. Fünf. Sechs.
Ich versuche mich abzulenken und denke an die Kerzen die ich im Bad verteilt habe, das Buch am Boden das ich besser lesen sollte, die Flasche Wein die ich besser auf ex leeren sollte. Zu spät. Die Leinwand projiziert ihr erstes Bild. Reflektiert sie.
Sie, verdammt.
Sieben. Acht. Neiiiinnnnn.
Die Klauen an meiner Brust pressen mit unglaublicher Kraft zu und zerren mich hoch, fetzen mich in eine sitzende Position. Dieser Scheiß Schaum glimmt in meinen Augen, mein Mund presst erst stille Luft, dann den bittersauren Geschmack roter Beeren. Glas zerspringt an den Fliesen. Scherben verteilen sich im Wasser und verschwinden kurz auffunkelnd irgendwo unter mir.
Scheißegal.
Warum auch immer lese ich plötzlich die Inhaltsstoffe der Entspannungsbadflasche. Cocamidopropyl. Glycerin. Citric Acid. Sodium Benzonate. Phenoxyethanol. Methylparaben. Ethylparaben und Malva Sylvestrics Extract.
Für einen kurzen Augenblick oder länger bin ich ernsthaft versucht, dieses Drecksding auszunuckeln, entschließe mich aber dazu, mir eine Kippe anzustecken und an den Roten Fussel einen kräftigen Schluck zu nehmen.
Entspannungsbadelixiervergiftungsselbstmord.
Hat was. Wenigstens das Wort.
Ich lehne mich zurück und vergesse sie zu vergessen. Schalt ab, verdammt noch mal! Zieh an der Kippe. Zähle.
Zehn. Elf.
Verdammt. Wo war ich?
Der Kopf an dem hartem Acryl am ende der Wanne, die Beine soweit ausgestreckt wie möglich und dennoch angewinkelt. Fühle kurzen Schmerz an der Ferse und beobachte desinteressiert wie sich in diesem Bereich das Wasser leicht rot färbt. Ziehe lächelnd an der Kippe und hieb mir beinahe Zeitgleich noch zwei Finger breit von dem rotem irgendwas in die Leber. Sie sagen, so etwas hilft um zu entspannen. Naja.
Ich schließe wieder die Augen, diesesmal um tief durch zu Atmen und die kleine, salzhaltige Flüssigkeit darin am Überschwaben zu hindern. Sie heraus zu pressen. Ein kleiner Bach über Schaumbesprenkelte Wangen.
Reiß dich zusammen.
Vierzehn?
Noch ein paar Schluck aus der Pulle, die Kippe in den Aschenbecher, den gequälten Kopf wieder unter diese heiße Brühe. Malvengrün rot gefärbt. Augen zu, Leinwand an.
Ich fühle …, nein …, ich sehe sie in seinen Armen. Fühle ihre Liebe. Zu ihm. Ihr lächeln in der Halbtotalen, ihre Augen glänzen ihn an. Strahlen plötzlich in Nahaufnahme.
Ihre Lippen. Haare. Schmecke ihren Geruch. Ihre Haut so weich wie es das Entspannungsbad verspricht. Schweiß auf ihrer Stirn. Früher bezahlte ich für solche Horrorvorführungen.
Um bei ihr zu sein.
Damals war alles noch irgendwie realer.
Wieder dieser Schock.
Schwerer Atem.
Der blinde griff zur Flasche. Ich kauere in der Wanne, die Arme an den Knien verschränkt und sehe der Flasche dabei zu wie sie an zwei Fingern zwischen meinen Beinen schaukelt und kleine Wellen in das Wasser wirbelt. Ich beobachte sie, nehme sie aber nicht wahr. Mein Gehirn gehorcht mir nicht mehr, weigert sich, nicht an sie zu denken. Weigert sich, die Welt real erkennen zu lassen. Weigert sich zu Atmen. Weigert sich, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Weigert sich, anzuerkennen. Zu akzeptieren.
Ich beobachte meine Hand wie sie diese bescheuerte Flasche an meine Lippen führt. Kippe den Rest auf ex. Plötzlich funkelt Glas vor meinen Augen. Transparent. Ein kleines, scharfes Dreieck.
Ich drehe es vor mich als hätte ich noch niemals eine Scherbe gesehen, das größte Wunder meiner Generation. Stelle die leere Flasche unbewusst auf die Fliesen neben der Wanne. Wasser schwappt über und läuft hellrot über den Rand. Bildet einen Rinnsal in den Fugen. Lenkt mich nicht im Geringsten ab.
Meine Welt riecht nach Malven und Vanille und Rotwein und Kerzenwachs und Zigarettenrauch und ich hocke in der Wanne und starre auf ein kleines Stück Glas. Fühle nichts mehr. Keine Liebe. Keine Kälte. Keinen Schmerz.
Meine Welt ist still. Meine Welt bin ich. Tief in mir vergraben, weit weg der Realität. Weit weg des rationellen Handelns. Dennoch bewusst. Welch beschissenes Gefühl.
Steig aus der Wanne. Lass den Scheiß!
Irgendwer, wahrscheinlich ich, hält ein Stück scharfes Glas an meinen Arm.
Lass – den – Scheiß!
Sie ist es nicht Wert dich zu verstümmeln. Oder mehr.
Plötzlich knallt das Telefon. Schrill und grausam reißt es mich aus dieser fremden Galaxie. Ein angenehmer Schock. Die Dunkelheit löst sich und ich schaffe es abzuheben. Am Boden zu bleiben.
Eine Freundin.
Sie sagt, hey, wie geht’s dir? Worauf ich so: „Gut. Alles okay!“
Die tägliche Lüge stimmt plötzlich.
Was ich so mache?
Ich sag, dass ich gerade dabei war, mächtig zu entspannen. Ich lächle dabei, denn plötzlich wird mir bewusst, das es mehr gibt als ein beschissenes Entspannungsbad.
Das dein Leben nicht an Scherben liegt solange man Freunde hat.
Soll an Entspannungsbäder glauben wer will, ich jedenfalls nicht.

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