Short Storys
Mittwoch, 22. Oktober 2008
Das Wasser in dem ich versuche mich zu ertränken ist heiß und sie sagen, es riecht nach Malven. Was immer das auch für ein Gewächs ist. In Wirklichkeit erinnert mich der Geruch eher an abgestandenes Red Bull. Apfel Hubba Bubba und Sauerstangen. Laut aufgestempelter Werbebotschaft sollte dieser Duft beruhigend auf die Sinne wirken, für Harmonie sorgen. Für Ausgeglichenheit. Was für ein kranker Witz. Ich frage mich, wer soll diesen Scheiß den glauben?
Das Wasser ist heiß und schwappt über meinem Kopf zusammen, bricht das letzte Licht bevor ich die Augen schließe um den Dreck nicht zu erlauben meine Pupillen zu entzünden. Die Welt wird schwarz und reduziert sich auf das hämmern meines Herzens. Noch.
Tauche ab in eine Welt des Schaums der ein angenehmes Hautgefühl verspricht, fühle tatsächlich ein kribbeln. Allerdings stammt dies nicht vom Wasser dieser Wanne. Seltsam, ich bin mir bewusst, dass meine rechte Hand ein Glas Rotwein in der Hand hält und auf meinem Bauch ruht, und ich zähle dennoch nur das pochen tief in meinem Kopf das alles zu verdrängen scheint. Pu Bumm. Pu Bumm. Drei. Vier.
Die Welt ist schwarz, hämmert im Rhythmus meines Herzens und vor meinem Auge beginnt die große Wahrnehmung. Lässt mich bewusst werden wie eng meine Luftröhre zugezurrt wurde, fühle umso mehr diese Klaue die mir die Lungen zu zerquetschen versucht. Unablässig. Seit Jahrhunderten.
Das hinterhältige Gedankenkino öffnet seine Tore, Filmabspielmaschinen werfen blendendes Licht irgendwohin. Weit weg und doch so tief in mir. Die ersten Schatten flimmern. Fünf. Sechs.
Ich versuche mich abzulenken und denke an die Kerzen die ich im Bad verteilt habe, das Buch am Boden das ich besser lesen sollte, die Flasche Wein die ich besser auf ex leeren sollte. Zu spät. Die Leinwand projiziert ihr erstes Bild. Reflektiert sie.
Sie, verdammt.
Sieben. Acht. Neiiiinnnnn.
Die Klauen an meiner Brust pressen mit unglaublicher Kraft zu und zerren mich hoch, fetzen mich in eine sitzende Position. Dieser Scheiß Schaum glimmt in meinen Augen, mein Mund presst erst stille Luft, dann den bittersauren Geschmack roter Beeren. Glas zerspringt an den Fliesen. Scherben verteilen sich im Wasser und verschwinden kurz auffunkelnd irgendwo unter mir.
Scheißegal.
Warum auch immer lese ich plötzlich die Inhaltsstoffe der Entspannungsbadflasche. Cocamidopropyl. Glycerin. Citric Acid. Sodium Benzonate. Phenoxyethanol. Methylparaben. Ethylparaben und Malva Sylvestrics Extract.
Für einen kurzen Augenblick oder länger bin ich ernsthaft versucht, dieses Drecksding auszunuckeln, entschließe mich aber dazu, mir eine Kippe anzustecken und an den Roten Fussel einen kräftigen Schluck zu nehmen.
Entspannungsbadelixiervergiftungsselbstmord.
Hat was. Wenigstens das Wort.
Ich lehne mich zurück und vergesse sie zu vergessen. Schalt ab, verdammt noch mal! Zieh an der Kippe. Zähle.
Zehn. Elf.
Verdammt. Wo war ich?
Der Kopf an dem hartem Acryl am ende der Wanne, die Beine soweit ausgestreckt wie möglich und dennoch angewinkelt. Fühle kurzen Schmerz an der Ferse und beobachte desinteressiert wie sich in diesem Bereich das Wasser leicht rot färbt. Ziehe lächelnd an der Kippe und hieb mir beinahe Zeitgleich noch zwei Finger breit von dem rotem irgendwas in die Leber. Sie sagen, so etwas hilft um zu entspannen. Naja.
Ich schließe wieder die Augen, diesesmal um tief durch zu Atmen und die kleine, salzhaltige Flüssigkeit darin am Überschwaben zu hindern. Sie heraus zu pressen. Ein kleiner Bach über Schaumbesprenkelte Wangen.
Reiß dich zusammen.
Vierzehn?
Noch ein paar Schluck aus der Pulle, die Kippe in den Aschenbecher, den gequälten Kopf wieder unter diese heiße Brühe. Malvengrün rot gefärbt. Augen zu, Leinwand an.
Ich fühle …, nein …, ich sehe sie in seinen Armen. Fühle ihre Liebe. Zu ihm. Ihr lächeln in der Halbtotalen, ihre Augen glänzen ihn an. Strahlen plötzlich in Nahaufnahme.
Ihre Lippen. Haare. Schmecke ihren Geruch. Ihre Haut so weich wie es das Entspannungsbad verspricht. Schweiß auf ihrer Stirn. Früher bezahlte ich für solche Horrorvorführungen.
Um bei ihr zu sein.
Damals war alles noch irgendwie realer.
Wieder dieser Schock.
Schwerer Atem.
Der blinde griff zur Flasche. Ich kauere in der Wanne, die Arme an den Knien verschränkt und sehe der Flasche dabei zu wie sie an zwei Fingern zwischen meinen Beinen schaukelt und kleine Wellen in das Wasser wirbelt. Ich beobachte sie, nehme sie aber nicht wahr. Mein Gehirn gehorcht mir nicht mehr, weigert sich, nicht an sie zu denken. Weigert sich, die Welt real erkennen zu lassen. Weigert sich zu Atmen. Weigert sich, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Weigert sich, anzuerkennen. Zu akzeptieren.
Ich beobachte meine Hand wie sie diese bescheuerte Flasche an meine Lippen führt. Kippe den Rest auf ex. Plötzlich funkelt Glas vor meinen Augen. Transparent. Ein kleines, scharfes Dreieck.
Ich drehe es vor mich als hätte ich noch niemals eine Scherbe gesehen, das größte Wunder meiner Generation. Stelle die leere Flasche unbewusst auf die Fliesen neben der Wanne. Wasser schwappt über und läuft hellrot über den Rand. Bildet einen Rinnsal in den Fugen. Lenkt mich nicht im Geringsten ab.
Meine Welt riecht nach Malven und Vanille und Rotwein und Kerzenwachs und Zigarettenrauch und ich hocke in der Wanne und starre auf ein kleines Stück Glas. Fühle nichts mehr. Keine Liebe. Keine Kälte. Keinen Schmerz.
Meine Welt ist still. Meine Welt bin ich. Tief in mir vergraben, weit weg der Realität. Weit weg des rationellen Handelns. Dennoch bewusst. Welch beschissenes Gefühl.
Steig aus der Wanne. Lass den Scheiß!
Irgendwer, wahrscheinlich ich, hält ein Stück scharfes Glas an meinen Arm.
Lass – den – Scheiß!
Sie ist es nicht Wert dich zu verstümmeln. Oder mehr.
Plötzlich knallt das Telefon. Schrill und grausam reißt es mich aus dieser fremden Galaxie. Ein angenehmer Schock. Die Dunkelheit löst sich und ich schaffe es abzuheben. Am Boden zu bleiben.
Eine Freundin.
Sie sagt, hey, wie geht’s dir? Worauf ich so: „Gut. Alles okay!“
Die tägliche Lüge stimmt plötzlich.
Was ich so mache?
Ich sag, dass ich gerade dabei war, mächtig zu entspannen. Ich lächle dabei, denn plötzlich wird mir bewusst, das es mehr gibt als ein beschissenes Entspannungsbad.
Das dein Leben nicht an Scherben liegt solange man Freunde hat.
Soll an Entspannungsbäder glauben wer will, ich jedenfalls nicht.
chris0101 - 22. Okt, 22:12
Dienstag, 12. August 2008
Im Bus riecht es nach Vanille und Moschus, Aftersun, Hautlotions und Antipickelcremes. Nach Eyeliner, Haarspray und dem Babypudergeruch von Irgendwas. Nach Beinwachs und dem Gummibärenfurz hunderter Red Bulls. Die Luft steht. Flimmert getränkt vom Schweiß nasser Shirts, kochenden Wasserflaschen und dem stöhnen der Teenies. Möchtegern Divas. Selfmade Frauen aus der Retorte.
Ich bin unterwegs um mich mit einer Frau zu treffen. Einer echten.
Noch zehn Minuten. Oder drei Stopps.
Ich überlege, ob ich so tun soll als würde ich angestrengt ein Buch lesen. Ob ein überraschtes: „Oh, hi.“ oder doch lieber ein relaxtes: „Hallo. Na? Wie geht’s?“
Die Haare hinten zum Zopf zurren oder doch offen? Den Rücken an die Lehne kleben oder der vorbeirasenden Vegetation präsentieren? Diesen Scheiß Kaffs inmitten von Pisse getränkter Feldlandschaften die wir samt einer unaufhörlich um meinen Kopf kreisenden Fliege dröhnend durchkreuzen.
Noch neun Minuten und irgendwas in meinem Bauch zittert immer mehr.
Idiot.
Jeder pubertierende und Pickelgesichtige Teenager würde sich weniger Gedanken machen.
Der einhundertdreißiger schleppt sich randvoll mit Designerklamottenmodels in Faltenlosen Röcken über den keuchenden Asphalt. Glatte, verschwitzte Babyhaut. Makellos sonnengebräunte Schenkel. Blasrot lackierte Lippen auf denen sich winzige Wassertropfen spiegeln. Blonde Strähnen. Schwarze Strähnen. Braune Strähnen. Zu Zöpfen gebundener Einheitsbrei und dunkle Sonnenbrillen und Strohhüte und Baseballcaps und das schrillen der Klingeltöne und mir gehen die Worte aus.
Ich starre auf dunkelgrüne Baumwipfel und eingezäunte Felder und Rad fahrende Kinder und schlendernde Rentner und Wiederkäuende Kühe aber ich sehe nur dieses turtelnde Pärchen. Händchen haltend. Kichernd. Glücklich.
Neben mir unterhalten sich zwei Lippenpaare mit ihren Handys.
Noch acht Minuten.
Ich krame ein Buch aus meiner Tasche und schlage es auf. Meine Pupillen wandern über inhaltslose Buchstaben die sich zu Wörtern formieren. Die sich wiederum zu geistlosen Ungetümen türmen und sich in meine Gehirnzellen meißeln. Sich darin verlieren und zerstäuben. Endorphinzerstäuber. Ein gigantisches Dopamindeodorant das sich über meinen Verstand legt. Jemand sagt hallo und ich sehe sie an und sage nichts und betrachte weiter Absatz für Absatz.
Die Uhr seitlich über dem Fahrer digitalisiert ihren Countdown.
Noch sieben Minuten.
Wir halten und die Türen tauchen zischend in die trocken flirrende Luft irgendeines Dorfplatzes. Eine blondbraune Strähne stöckeln an mir vorbei die Treppen hinab und ich erfahre so, das diese oder jene Tussi doch eine Schlampe ist und mit diesem dreckigen Arschloch rumvögelt.
Verdammte Fotze sagt sie und lächelt mich dabei an.
Ich konzentriere mich wieder auf dieselbe Seite des Buches die ich gerade gelesen habe und erinnere mich daran, dass es kein Date ist. Das ist kein Date. Nur ein paar lächerliche Getränke. Gespräche unter Freunden. Weniger. Wir sind nicht einmal Freunde. Nur Bekannte. Weniger. Nur Individuen die sich täglich auf dem Weg zur Arbeit treffen. Fremde.
Weniger als das.
Wir haben nicht einmal dasselbe Geschlecht.
Sechs Minuten vor dem Treffen mit dieser fremdartigen Spezies setzt sich der Bus wieder in Bewegung. Die Türen noch geöffnet. Der heiße Fahrtwind verwirbelt bunte Strähnen und seltsame, beinahe vergessene Gedanken.
Eine Stimme hinter mir sagt: „Die ist doch nur Eifersüchtig.“
Eine zweite antwortet: „Miststück“ und in dem Buch steht ein seltsamer Satz.
Die Türen schließen sich und der Lärm des Gegenverkehrs verkommt zu einem unrhythmischen zischen und an meinem Hinterkopf vibriert das Glas der Fensterscheibe. Ich starre die kleinen schwarzen Punkte an der Decke an und versuche mich an all die guten Sätze zu erinnern die ich mir im Büro zurechtgelegt hatte. An all die Dinge die ich ihr erzählen möchte. An Gefühle und Träume und Vergangenheit und Zukunft und niemals diese leere Gegenwart. Das Glas an meinem Hinterkopf bedeutet Gegenwart und die einzige Empfindung dessen ich mir bewusst bin.
Noch fünf Minuten oder zwei Stopps und das ist nicht Liebe.
Das ist weniger als Freundschaft. Nur etwas mehr als einen Namen zu kennen. Was bedeutet das schon. Ich kenne Namen von Menschen denen ich noch niemals begegnet bin. Niemals begegnen werde. Marilyn Monroe und Elvis Presley fällt mir dabei ein. Kurt Cobain und Charly Chaplin. Würden sich meine Gedanken derart überschlagen wenn ich einen von ihnen treffen könnte? Mir Gedanken über meine Scheiß Frisur oder mein Shirt oder meine Hose oder meine Schuhe oder meinen Atem oder meine Darmfunktion machen?
Idiot.
Jeder Rentner würde dir sagen dass dies nichts bringt.
Kleine Staubpartikel tanzen in den Sonnenstrahlen die durch die Kabine preschen. Jemand hustet. Draußen staut sich der Verkehr. Metall an Metall in allen Farben reflektierend vor einem Kreisverkehr, aber der Bus hat Vorfahrt und schlängelt sich in leichter Schräglage durch dieses Hindernis. Die Klimaanlage surrt und schleudert einen kalten Schauer aus den spalten unter den Fenstern. Meine Zunge pappt wie eine Hostie an meinem Gaumen; Die Lippen zerfallen jede Sekunde zu Staub.
Noch vier Minuten und ich werde unfähig sein, auch nur einen Satz aus mir heraus zu pressen.
Weniger als das. Nicht ein Wort. Weniger als das. Nichts.
Oder mal andersrum: Was sind schon Worte wenn man ohnehin alles verschwitzt was man sagen wollte. Was ich sagen könnte.
Um mich interessant zu machen. Du weist schon.
Die Kiste mit seiner besten Seite. Dem verstecken der Wirklichkeit um seine Angst und Zweifel zu verbergen. Seiner Unsicherheit.
Das ist nicht Liebe, dass ist Betrug.
Betrug an sich selbst und vor allem dem anderen Gegenüber. Feigheit und Verlogenheit fällt mir dazu ein. Das aufsetzten einer Maske und Schauspielerei. Schallendes Gelächter im Marionettentheater der Biologie.
Die Stimme hinter mir sagt: „Sie kennen sich doch kaum. Was soll der Scheiß?“
Die zweite Stimme antwortet: „Miststück“ und ich lese schon wieder diesen seltsamen Satz.
Der Bus hält an der letzten Station bevor sie, sollte sie tatsächlich hier sein, einsteigen wird. Sich auf den leeren Platz neben mich sinken lässt. Ein kurzer Blick in Augen, in denen sich der Wolkenlose Himmel spiegelt, ehe sie mir erklären wird, sie hätte es sich anders überlegt. Oder ihre Katze dem plötzlichen Hitzetot zum Opfer gefallen sei. Ihre Schwester läge in den Wehen. Ihr Großvater heirate unerwartet in Las Vegas eine siebzehnjährige Stripperin. Ja ja, so etwas kommt öfter vor als man denkt. Passiert mir ständig.
Die Türen des Busses schleudern wieder in die drückende Hitze des späten Nachmittages und eine Handvoll bunter Strähnen und glitzernder Lippen und glatter Röcke und Sonnengebräunter Schenkel und klackender Absätze verlassen den Brutkasten meines Gedankenkinos und ich betrachte wieder diese seltsam zitternde Anhäufung von Buchstaben auf meinem Schoß.
Noch drei Minuten und ein altes Ehepaar steigt ein und ich schließe das Buch.
Starre durch Glas auf ein bisschen Grün das aus einem Spalt zwischen Straße und dem Randstein der Haltestelle sprießt. Auf glitzernde Scheiben einer zerbrochenen Bierflasche. Der Geruch von Sonnenöl und Chlor stolpert an mir vorbei als sich der Bus wieder stoßend in Bewegung setzt. Im Radio des Chauffeurs sagen sie, dass es am Abend schweres Wetter geben wird und ich durchforste den Himmel aber ich glaube der Stimme nicht.
Das alte Ehepaar flüstert in einer Sprache die ich nicht verstehe. Was heißt das schon? Ich verstehe so vieles nicht.
Der alte Mann sagt etwas, dass sich anhört wie: ja lubiä tschä. Was immer das bedeuten mag.
Nichts mehr als ein Ausdruck. Weniger als das.
Die Stimme hinter mir sagt: Manchmal wünsche ich mir, ich würde es verstehen.
Die zweite Stimme antwortet: „Das wirst du wohl nie.“ und ich stopfe das Buch zurück in meine Tasche. Strecke mein Shirt glatt. Streif mir die Haare aus der schweißnassen Stirn. Versuche etwas meine Kehle hinab zu pressen. Worte zu finden. Für all das was ich gerne sagen würde. Worte, die in keiner Sprache dieses Planeten zu finden sind.
Das ist nicht Liebe, das ist Idiotie.
Nichts mehr als eine Fremde. Eine andere Spezies. Ein anderes Geschlecht. Nichts mehr als die Wirklichkeit. Nichts mehr als eine Einbildung.
Der Bus schert aus, verlässt die letzte Möglichkeit zur Flucht.
Noch zwei Minuten oder hundertzwanzig Sekunden im hundertdreißiger.
Irgendwo schrillt ein Handy. Die Klimaanlage zeigt Wirkung und aus Moschus und Vanille wurde steriles nichts. Ich wende mich kurz um, aber hinter mir sitzt niemand.
Weniger als nichts.
Das sollte mich eigentlich beunruhigen, merke aber im selben Augenblick, dass mir die Zeit dazu fehlt. Und der Verstand und die Logik und all das.
Reiß dich zusammen. Was soll der Scheiß?
Noch sechzig Sekunden und ich beobachte meine Atmung.
Den Hinterkopf auf vibrierendem Glas. Ich rede mir ein, dass sie mir nicht sonderlich gefällt. Nicht ihre Haare, nicht ihre Augen, nicht ihre Ohren, nicht ihr Mund, nicht ihre Lippen. Nicht ihr piercing durch die Augenbraue. Ich stelle sie mir als humorloses Monster vor. Als willenloses Designerklamottenmodel mit perfekter bräune und glitzerndem Lippenstift. Als kleines Dummerchen. Diese uninteressante Kuh. Ich bilde mir ein, ihre Figur sei nur eine weitere Einbildung eines täglich viel zu frühen morgens. Sie hat keinen Style, keine Ausstrahlung, keinen Glanz, denke ich mir. Ich denke an Arroganz und rede mir ein, solche wie sie gibt es wie Sand am Meer. Sterne am Himmel. Sekunden in der Ewigkeit einer Unendlichkeit.
Das ist nicht Liebe, das ist Wahnsinn.
Noch dreißig Sekunden und ich kann die verrottete Holzhütte erkennen vor der sie telefoniert.
Eine Frau, die mich so kalt lässt als wäre sie ein Fahrgast wie jeder andere auch. Die mich nicht innerlich zerfetzt. In Vernunft und Gefühl, Erfahrung und Willenlosigkeit. Rationalem Denken und instinktiven Handeln. Hoffnung und Wissen. Träume und Realität.
Der schallende Beifall im Theater der Biologie.
Danke, vielen – verschissenen – Dank!
Ich überlege, ob ich so tun soll als würde ich angestrengt ein Buch lesen. Ob ein überraschtes: „Oh, hi.“ oder doch ein relaxtes: „Hallo. Na? Wie geht’s?“
Das Buch steckt in der Tasche, die Worte übersprüht mit Biodeodorants, und ich rede mir ein das ich dieses kribbeln nicht fühle. Ich überlege, wie ich mein zittern verbergen könnte. Meine Unsicherheit. Meine Fehler. Makel. Zerrissenheit. Unvollkommenheit. Dummheit. Meinen schlaksigen Körper. Meine Seele. Die andauernden Gedanken.
Als sich die Türen öffnen und sie sich neben mich setzt, ein kurzes lächeln, das Telefon am Ohr, weis ich, dass ich das alles nicht muss.
Denn die Welt ist plötzlich so wie sie sein sollte.
Ungelogen.
Ich fühle mich einfach gut.
chris0101 - 12. Aug, 14:57
Der Bus fährt weiter, und obwohl sie nun neben mir sitzt, oder vielleicht gerade deswegen, verfalle ich in eine unglaubliche Gelassenheit. Lasse mich treiben von dem Klang ihrer Stimme und vergesse alles um mich herum. Selbst der Mehrtonner der normalerweise auf meiner Brust parkt um mich am Atmen zu hindern, begreift die Situation. Hat Mitleid mit mir und sucht sich ein neues Opfer.
Sie telefoniert mit irgendjemandem.
Streift sich einen Haarstrang hinters Ohr. Ich kann nicht anders als sie dabei zu beobachten. Versuche es nicht zu zeigen und konzentriere mich auf irgendwas. Auf den hellen Farbton der Berge im Hintergrund. Den Rhythmus der vom Fahrtwind wankenden Bäume am Straßenrand. Den Takt der wenigen vorbei fliegenden Häuser. Das Harmonische Zusammenspiel ihrer Stimme mit dem abflauen meiner Zweifel.
Das ist nicht Liebe, das ist Melodie.
Mehr als das.
Es ist das Zusammenwirken von höhen und tiefen durch die du durch musst. Es ist die Ohnmacht die dich befällt wenn du begreifst, dass alles nur ein beschissenes Spiel ist. Du wirst nichts ändern können, weder an deinen noch an ihren Gefühlen. Es ist die Gewissheit, dass du dich nur so geben kannst wie du nun mal bist. Mit all deinen schwächen und stärken. Mit all deinen Fehlern. Du hast es immer gewusst, nur beim betreten des Marionettentheaters, kurz nachdem du es zum ersten mal wieder gesehen hast, nach all den Jahren, wenn du endlich wieder ein Ticket löst, dann vergisst du das alles. Dann bist du der laufende und keuchende Biospielplatz des Lebens.
Du reduzierst dich auf das wesendliche.
Sie sagt: „Hallo“ und der Bus schlängelt sich durch die beginnende Stadt, durch schwitzende Biomasse und es mir alles egal. Wir reden drauf los, über den Tag, das Wetter, dies und das und es ich lege alles ab. Kann seit Ewigkeiten wieder loslassen.
Als der Platz neben mir noch leer war, dehnten sich die Minuten wie Kaugummi und ließen meine Gedanken kollabieren. Jetzt steigen wir aus. Die Stationen schleuderten unbemerkt vorbei, vereinzelte Häusergruppen formierten sich zur Stadt, aus Rad fahrenden Kindern wurden Skatende Kids, Wiederkäuende Kühe verwandelten sich zu leeren Recycling Müll, und aus stillen Gedanken wurde ein belebtes Gespräch. Es ist trocken sonnig und in der Luft hängt der staubige Lärm der Stadt. Wir schlendern an Schaufenstern vorbei und rätseln, ob an unserem Ziel wohl noch ein gemütliches Plätzchen frei sei. Mir ist alles recht. Alles was wir unternehmen würden wäre okay. Ein gemütliches Plätzchen ist überall. Selbst am langweiligen Beton einer Straßenkreuzung, den Rücken an Mülltonnen gelehnt, im Mund ein tropfendes Eis oder nichts ausgenommen unsere Stimmen.
Das ist nicht Liebe, das ist Interesse.
Mehr als das.
Wir haben nicht einmal dasselbe Geschlecht.
Mehr als das. Gespräche unter Fremden. Individuen die sich erstmals nach der Arbeit treffen. Mehr. Die Chance auf Freundschaft.
Wir entscheiden uns dafür, den Überblick zu behalten. Die Aussicht zu genießen. Den Lift zu nehmen der auf die Dachterrasse des Kaffees führt.
Der Kellner sagt: „Zur Terrasse? Den rechten Lift, siebenter Stock.“
Interesse bedeutet auch, sich im selben Augenblick lächelnd zu fragen, warum es wohl so verdammt wichtig sei den rechten Lift zu nehmen. Führt den der linke nur in den Keller? In geheime Katakomben? Ein illegales Drogenlabor für die Angestellten? Zum streng behüteten Rezept der Haustorte?
Ich will es wissen.
Alles. Ihre Vergangenheit, Träume, Ziele, Wünsche, Hoffnungen. Ihre Ängste und diesen Schmerz der tief in ihr zu kauern scheint. Den sie so entschlossen zu verbergen versucht. Wunderschön lächelnd. Mit strahlenden Augen in denen sich der Himmel spiegelt. Ich kann mich auch blenden lassen. Täuschen.
Was heißt es schon selbst einmal von diesem Gefühl befreit zu sein? Diesem Druck. Frei zu sein bedeutet nicht, das Gefängnis eines anderen zu sehen. Es bedeutet aber auch nicht, den Ausbruch zu schaffen und das Leid der anderen damit zu vergessen. Nicht für einen Tag. Nicht für ein Leben.
Nach kurzem Gedankenaustausch entscheiden wir uns für den Ecktisch direkt an der steinernen Brüstung, die Grenze zur sieben Stockwerke tiefer und träge gurgelnden Salzach. Den spiegelnden Kupferdächern der Altstadt. Funkelnde, und im Schatten der Festung liegenden Mauern und Kuppeln des Domes. Dem flirrenden Gipfel des Untersberges und der sich darüber erstreckenden Unendlichkeit des Himmels. Streifenlos blau. Unglaublich frei.
Wir legen unsere Taschen ab. Setzen uns. Ich würde gerne erzählen, dass wir uns in diesem Moment die Augen sahen und uns dabei verliebten. Das ist es aber nicht.
Das ist nicht Liebe, das ist ein Augenblick.
Mehr als das.
Wir rücken uns die Stühle zurecht, gegenüber sitzend, blicken in den Tag und betrachten die Speisekarte als stünde darin die Lösung aller Probleme dieses Planeten. Reden über die herrliche Aussicht, das Wetter und Wespenstichallergien. Über Sonneneinstrahlung, Selbstmordvarianten und deren harte Landungen auf Autos oder Bussen. Übers schreiben und verschwitzte Kellner und bestellen ein kleines Bier. Wir plaudern drauf los. Unterhalten uns über Höhenangst und schmale Felsgrade. Die Möglichkeit einer ausgiebigen Bergtour und die Wucht von Gewittern.
An was denkt sie?
Die Luft ist erfüllt vom Aroma eines Gemisches aus frischem Kaffee und verbrauchten Verkehrsdröhnen. Dem leisen klopfen hektischer Absätze und unverständlichen Sprachfetzen. Der kurzen Klage eines Einsatzwagens.
Wir reden über Felsstürze und Sonnenterrassen an gegenüberliegenden Steinwänden, über Skype, ICQ und Abendunterhaltung. Wir wechseln den Tisch. Tauschen Sonne gegen Schirmschatten. Mir ist alles recht. Ein gemütliches Plätzchen ist überall.
Ein Berufslächler in einem weißen Hemd nimmt unsere goldgelben Getränke von seinem Tablett und stellt sie vor uns auf den Tisch. Wir lächeln zurück, prosten uns zu.
Lehne mich zurück und genieße den kalten Geschmack von Hopfen und Malz und kann es kaum glauben wie frei ich mich fühle. Keine Spur von den mich ständig marternden Gedanken und Phantasien, diesen unkontrollierten Drang sich ständig über etwas den Kopf zerbrechen zu müssen. Selbst der Geschichtenerzähler in mir schweigt. Genießt. Die Pause auf der Suche nach Erfüllung, Sinn und Freiheit des Lebens. Fort sind meine Zweifel und Ängste, meine innerliche Zerrissenheit und das Gefühl den Verstand zu verlieren. Keine Spur von der tagtäglichen Unterdrückung deines Ichs, deiner Seele, und der wohl tatsächlichen Andersartigkeit. Dem verstecken deiner Natur bis es schmerzt, nur um dem beschissenen Zwang zu folgen, dazu zu gehören. Zur anerzogenen Normalität.
Sie sagt: „Bilde ich mir das ein oder sind die Menschen hier alle … weis nicht … eleganter, nein … nobler gekleidet als wir. Passen wir hier rein?“
Ich schmunzle sie an und sag: „Weis nicht, doch Scheißegal.“
Man sagt doch, dass sich Gegenteile anziehen. Die Sache mit den Magneten. Man sagt, alles nimmt seinen lauf. Bienen und Blumen, Ebbe und Flut und so. Auch wenn in diesem Fall ich das tiefe Meer und sie der helle Mond zu sein scheint. Sie zieht mich an, nicht umgekehrt. Sie raucht nicht. Ich zünde mir eine an. Sie kocht ohne Fleisch und ich habe Lust auf Spareribs.
Ich versuche ihr in die Augen zu sehen, und sie fragt, wie man wohl den Berg dort drüben nennt. Es heißt, man könne sich von Luft und Liebe ernähren. Ich Atme frei und hoffe, der Abend würde niemals enden. Ein klein wenig Hunger habe ich dennoch.
Wir beschließen, durch die abkühlende Stadt zu schlendern und an einem Eis rum zu schlecken.
Das ist nicht Liebe, das ist einfach nur Freiheit.
Ich würde ihr gerne erzählen wie ich die Welt sehe, durch sie hindurch schleudere. Fasziniert von so vielen.
Von ihr. Ich möchte einfach nur ihre Hand halten. Nicht mehr. In ihre Augen sehen. Nicht mehr. Ich weis nicht warum das so ist. Lebe einfach Instinktiv.
Will ständig mehr. Mehr. Mehr. Mehr.
Ich liebe das Leben und hasse es zur selben Zeit. Schlängle mich hindurch und sauge es auf. Jedes Gefühl, jede Empfindung. Unfähig abzuschalten. Ich möchte ihr sagen dass die Welt zu Atmen aufhört wenn sie in meiner Nähe ist. Die Zeit still steht.
Idiot.
Das ist nicht Liebe, das ist Folter.
Mehr als das.
Das ist die enge des abgedunkelten Treppenhauses. Wir gehen zu Fuß. Nehmen nicht den Lift. Vorbei an drei Buddhas die mich in meditativer Haltung hockend, mit Nikotingelben Teint und Steinernen Augen anglotzen als wäre ich die Wiedergeburt Casanovas, wie wenn ich nur darauf aus sei, sie ins Bett zu kriegen.
Du willst sie doch nur in der Kiste, sagen die Augen des Skeptikers, und ich sag: „Lügner“
Ich sag: „Nicht nur.“ Und das es nebensächlich sei. Das es wunderschön wäre, aber nicht bedeutend. Das alles andere Heuchelei wäre. Selbstbetrug der letzte Luxus den ich mir jetzt leisten werde. Dazu ist der Moment zu fassbar. Zu real.
Der Mittlere der dreien, die Versuchung, starrt mich an, als hätte er all die Jahre nur damit verbracht auf uns zu warten. Den Kopf hoch erhoben, unscheinbar grinsend, hinterhältig, und mit dem Wissen der Jahrtausende. Gespeichert in Steinerner Mine. Ausgeleuchtet in dotterweichem Licht, durchbohrt sein Blick meinen Willen und ich kämpfe. Ich kämpfe dagegen an, ihre Hand zu nehmen, meine Finger in ihre zu legen, zärtlich zu verzahnen. Ich kämpfe dagegen an, einen Fehler zu machen. Kämpfe gegen die Wahrscheinlichkeit, dass es richtig wäre. Sie es auch möchte.
Die Versuchung lockt. Wie einfach und abgedroschen das doch klingt. Wie schwer jedoch, ihrem, seinem grinsen zu widerstehen. In diesem Licht ist sie mehr als nur eine Fremde.
Wir haben nicht einmal dasselbe Geschlecht.
Nur zwei Fremde, die im schummrigen Licht einer Hotellobby stehen. Buddhas betrachten. Figuren, irgendwann aus irgendeinem Felsen gehauen. Eingerahmt vom typischen Zitronensäuregeruch und dem sterilen Teppichreinigerdunst öffentlicher Stiegenhäuser. Dem durch die Stockwerke rasendem flüstern eintreffender Gäste.
Die dritte Statue, die Vernunft, hämmert ihren Blick direkt in mein Gehirn und schreit: „Na los, verschwinde von hier. Mach dass du raus kommst. Las es!“
Das ist keineswegs Liebe, das ist Flucht.
Mehr als das.
Wir wurzeln plötzlich im Schatten des vorbeidröhnenden Verkehrschaos, dem leisen ticken und surren einer Fußgängerampel, dem sachte aufkommenden Wind der von fernen Bergen durch die Stadt wirbelt und mich die Welt wieder etwas wirklicher betrachten lässt. Die Sonne glotzt immer tiefer gelegen auf uns herab. Versteckt sich immer öfter hinter Dächern und Felswänden und lässt auf der Oberfläche des Flusses Millionen reflektierende Spiegel tanzen.
Sie sagt: „Kühler ist es jetzt schon.“
Wir schlendern über die Brücke und ich bring nichts mehr, als ein trocken unterdrücktes ja. Unterqueren die Kreuzung. Jagen durch den Betongrauen Pissegestank vergangener Nächte. Rauf, rauf die Treppe.
Wieder im weichen Licht der untergehenden Sonne, gefangen in den harten Schatten der Altstadthäuser, überfällt mich erneut eine tiefe Gelassenheit. Endlich. Ein kurzes lächeln von ihr befreit mich. Wie schafft sie das nur?
Sie kennt da so eine Eisdiele, sagt sie und wir promenieren dort hin. Bummeln vorbei an schreienden Schaufenstern und fotografierenden Japanern. Den Fastfood Leibern hechelnder Amerikaner. Den Blumenartigen Schweißflecken an deutschen Hemden. Durch das aufgeregte Gewühl einer Urlaubenden Horde. Fiebernden Sightseeingtouren.
Knallen rein in die drückende enge einer kochenden Seitengasse, stockend, stauend, drängelnd. Internationale Touristen Rush Hour.
Mir ist alles Recht. Ein schönes Plätzchen ist dort, wo sie neben mir Ironiesch grinst. Ihr Geheimnis versteckt. Ein schönes Plätzchen ist der nächste Schritt, die nächste Sekunde.
Die nächste Sekunde der nächste Schritt.
Ich versuche ihr in die Augen zu sehen und sie fragt, ob mir Schokolade – Chili Eis schmecken würde. Das sie hier schon vor einer längeren Schlange angestanden sei. Sie selbst bezahlen würde. Das das Eis lecker schmeckte als sie zum letzten mal mit Gott weiß wem hier war. Ich werde mich nicht mit dem Gedanken herumschlagen wer es wohl gewesen ist. Ein Mann? Eine Freundin?
Die Jedermann Tribüne ist leer und abgesperrt und ich überlege, ob ich sie wohl dazu überreden könnte auf einen der leeren Sitze platz zu nehmen um den Dom anzusehen. Dem Straßenmusiker auf seinem Digeridoo aus Termitenzerfressenem Eukalyptus, Bambus oder Australischem Jackfruit zuzuhören. Ich schlecke an Marzipan und Banane. Sie knabbert an einer mit Joghurteis gefüllten Waffel während wir für ein paar Augenblicke verharren und dem dumpfen, sattem Widerhall zu lauschen, der sich über den Platz legt wie eine schwere Decke.
Die plötzliche Stille zwingt uns zum weitergehen. Tauchen ein in das aufgeregte Treiben eines wuselnden Marktes. In den süßlichen Geschmack von Zuckerwatte und dem Geruch frischer Schnitzereien. Holzspielzeug und Jausenbretter. Ketten und Steinen in allen Farben.
Irgendwo schleppt sich eine Pferdekutsche klappernd über den Abendlichen Steinboden. Schachspieler sitzen konzentriert in den länger werdenden Schatten.
Turm schlägt Läufer.
Wir setzten uns auf einen der Stühle vor der großen Leinwand. Festspielübertragung live. Vor uns thront die Festung erhaben in den Himmel, neben mir eine Fremde.
Springer nähert sich einer Königin von rechts.
Das ist nicht Liebe, das ist ein Spiel.
Weit mehr als das.
Ich fühle mich so gut wie seit Jahren nicht mehr, aber ich bin kein guter Spieler und spiele ein Spiel das sich Freiheit nennt. Höre ihr zu und kann selbst reden. Die Worte rollen aus mir heraus als wären sie schon immer dazu bestimmt gewesen. Es ist Schwachsinn und zusammenhangloses Zeug. Witz und unverständliches. Trostloses aber ehrliches. Unzensiertes. Wahres. Und es fühlt sich verdammt gut an.
Wir lachen, scherzen, schmunzeln, schweigen, genießen und beschließen wie selbstverständlich noch etwas zu bleiben. Beobachten die Aufregung dort in unserer Welt. Das Wirrwarr der Stimmen, lauschen dem dröhnen aus Carmina burana von unsichtbaren Lautsprechern. Festspielklamauk live und ungeschminkt.
Applaus im Marionettentheater der Biologie.
Sie sitzt so nahe an mir, dass ich beinahe die wärme fühlen kann die von ihrem Körper ausgeht und kann sie dennoch nicht berühren. Nicht erreichen. Nicht in ihr innerstes vordringen.
An was denkt sie?
In ihren Augen spiegelt sich der Himmel und sie sagt: „Las uns von hier verschwinden.“ Und ich sag einfach nur: „Okay!“ und: „Ein schönes Plätzchen ist überall.“
Du reduzierst dich auf das wesentliche.
chris0101 - 12. Aug, 14:55
Ich versuche angestrengt auf andere Gedanken zu kommen, mich von ihr und mir abzulenken. Nicht scheinbares begreifen zu wollen. Denn Dingen seinen lauf lassen und mir nichts einzureden, dass am Ende doch nur schmerzen könnte. Selbstzerstörung fällt mir dabei ein. Wut und Selbsthass. Die Welt geschrumpft in depressiver Dunkelheit.
Trostlosigkeit und schwerer Atem fällt mir dabei ein.
Also lass ich’s. Hab einfach keinen Bock darauf.
Wir bummeln über eine schwankende Brücke und unter uns gondelt ein kleines Ausflugsboot. Eigentlich viel zu klein für diese, nach allen Seiten fotografierende Menschenmenge. Folgen ihm einer kleiner Allee entlang. Grüne Kastanienbäume. Rostbrauner Holzbänke voller bekiffter Studenten und turtelnder Pärchen. Rastenden Pensionisten vor gurrenden Brotkrümeltauben. Idyllisch, idyllisch. Ach ja, wie romantisch.
Was soll ich mit einer Frau? Wie Idiotisch. Lauf und befreie dich solange es noch geht. Bevor sie dir den restlichen Verstand aus dem Gehirn saugt. Mit diesen blassrosa weichen Verführer Lippen die mich so richtig kalt lassen. So richtig. Bevor sie es mit ihrem Frauen Hokuspokus schafft, dich in ihren Wirkungskreis zu ziehen. Lauf, Forrest, lauf. Ein Frau würde mein Leben nicht gerade erleichtern. Was könnte ich ihr auch schon bieten? Man nehme eine zerrissene Persönlichkeit und multipliziere sie mit grundlosen Selbstmordgedanken, ziehe davon anhaltende Gedankenwut ab und dividiere das Resultat durch den sich ergebenden Restwert Null. Was bleibt ist ein großes, schweißgebadetes Nichts.
Weniger als das.
Was bleibt sind verzweifelte Nächte in der Toilette in denen du auf Rasierklingen starrst. Oder dich dabei ertappst, wie du dir den Gürtel aus den Schlaufen deiner Hose ziehst. Langsam, ganz langsam. Du vegetierst vor dich hin und weißt selbst nicht so recht warum. Warum das alles, fragst du dich.
Der Abend rollt über die Stadt und mir wird kalt. So richtig. Ich frage mich, ob ich mich von ihr verabschieden sollte. Rein in den Bus und ab mit dir. Ich frage mich, wie ich mich dafür bestrafen würde. Mit brutalen Nächten in noch brutaleren Gefühlswelten? Mit Alkohol und Schlafentzug? Aber sicher doch. Gehört das nicht alles mit zum Spiel?
Was will sie mit ihrer Unnahbarkeit? Glaubt sie tatsächlich, dass mich das blau ihrer Augen fesseln könnte. Ihre tolle Figur? Glaubt sie tatsächlich ich wäre so naiv und würde darauf hereinfallen. Auf ihre Scheiß Lockerheit? Der Wahrheit und dem klang ihrer Stimme? Ihrem zögernden Lächeln?
Auf all die erbärmlichen Gemeinsamkeiten?
Ich doch nicht!
Der Abend rollt über die Stadt und mir wird kalt. So richtig.
Weil ich bemerke, das der Bus schon abgefahren ist. Jede Sekunde ein weiterer Schritt. Ich habe die Empfindung, als würde alles von jetzt an, von diesem Augenblick, einer vorherbestimmten Zukunft folgen, die nicht mehr Rückgängig gemacht werden könne. Das jedes Wort von diesem Moment an, dem Augenblick in dem DU diese Zeilen liest, in unsere Geschichte gemeißelt werden wird. Ob positiv oder auch nicht. Ich rede hier nicht von Beziehung oder Liebe oder solchen Kram. Ich rede von Vertrauen und Freundschaft. Ehrlichkeit im Sinne von schonungsloser Wahrheit. Offenheit und nur mit viel Glück auch Liebe. So sehr ich sie mir auch wünsche oder erträume.
Ich bin der laufende und keuchende Biospielplatz des Lebens.
Du hast keine Wahl.
Ich tanze durch die Welt. Durch meine Welt, und stolpere so manches Mal über ihre Hindernisse. Was soll’s, denk ich mir. Ich las mich doch nicht von dieser Frau fertig machen. Während wir durch den Park spazieren, stelle ich mir Nächte mit Wein und vegetarischen Sojamilchcrackern vor. Guter Musik und dem Geschwafel von Vergangenem. Dazu braucht es noch nicht einmal das flackern von Kerzen. Ich stelle mir vor, wie sie mir leicht errötet eine neue Geschichte zeigt die sie geschrieben hat. Sie sagt: „Ich schreibe Geschichten.“
All die kleinen verblödeten Gemeinsamkeiten.
Idiot.
Der Schotter unter unseren Beinen knirscht gemächlich, wir sprechen über Wasserfontänen in Parkanlagen und beobachten davor eine Picknickende Familie. Grillender Mann. Stillende Frau. Fußballspielende Kinder. Ein bellender Hund. Ach ja, wie romantisch.
Und Wind kommt auf.
Sie geht so dicht neben mir, dass ich den femininen Duft ihrer Haare riechen kann. Ich möchte ihr in die Augen sehen und sie fragt, ob das die Rückseite von diesem Scheiß Gasthaus sein könnte. Und ich so darauf: „Weis nicht, kann schon sein.“
Ich möchte ihre Hand nehmen. Mehr nicht.
Verlassen den Park, fliegen über aufgerissenem Asphalt. Der Verkehr wirkt schläfrig und dennoch Rastlos, seufzt und stöhnt unaufhörlich neben uns. Ich bin ein Beobachter und könnte nicht die Farbe eines einzigen Gefährtes sagen, der Planet um uns herum im Stand by Modus. Würde sich neben uns ein Atom U-Boot aus dem Boden graben um seine Raketen auf landende Außerirdische abzuschießen, ich würde es nicht bemerken.
Wind kommt auf, das Licht ist so, wie ich mir zu Mitternacht in den Fjorden Norwegens vorstelle. Mitternachtssonne. Wind kommt auf und schiebt unbemerkt Wolken vor sich her, wirbelt uns in einen überfüllten Biergarten. Mit allem Drum herum. Dichten Laubbäumen, grün und Saftig wie Almwiesen in den Käsewerbungen. Für einen kurzen Augenblick erwische ich mich dabei, wie ich nach einer Kuh Ausschau halte. Gelangweilt ihr Kiefer von einer Seite zur anderen schiebend, inmitten der Tische, Stühle und Bänke auf feinem Kies. Eine Kuh ist nicht zusehen, an ihrer Stelle dafür ein freier Tisch. Kaum zu glauben.
Wir setzen uns und bestellen ein Bier und ich steck mir eine Kippe an und Leute reden und die Tische sind grün Lackiert und das alles nur weil sie mal kurz auf der Toilette ist. Ich sollte wohl wieder meine Haare in Ordnung bringen und mein Shirt glatt streifen. Ich sollte aufhören zu rauchen und mir keine Gedanken über den nächsten Satz machen. Ich sollte aufhören zu Denken und mir weiterhin einreden das ich nichts für sie Empfinde. Ich sollte wissen das Liebe mit der Erfüllung von Erwartungen Hand in Hand geht. Hand in Hand.
Sie sagt: „Hier bin ich wieder.“ und sie sagt: „Ich soll ihr eine runterhauen wenn sie sich eine Zigarette nimmt.“ Ich sag nur: „Mach ich, versprochen!“ Und dann lege ich ihr das Päckchen vor die Nase. Und kichere.
Idiot.
Die Kellnerin bringt unser Bier und wir reden darüber, wie wir uns kennen lernten. Wie wir uns jeden Tag an der Bushaltestelle sahen, uns gegenseitig ignorierten. Manchmal dämlich lächelnd, manchmal tief und gründlich in den Morgen gähnend. Manchmal bewunderte ich sie einfach nur. Sie sagt, das war schon fast peinlich dass wir nichts sagten. Sie sagt auch, dass sie doch meist die einzige Frau an der Bushaltestation sei. Sie sagt: „Ich wusste das wir uns an dem Tag anquatschen würden.“ und, dass es so kommen musste.
Ich frag so, wie viele Frauen denn nötig sein müssten um zu behaupten, man könne einem als Individuum auffallen. Als Person. Als einzelner Mensch. Ich sag auch: „Ich denk, das spielt keine Rolle. Ausstrahlung sei nun mal Ausstrahlung.“ Ich sag auch, dass ich keine Probleme damit hätte, fremde Frauen anzusprechen. Sie sagt: „Ach ja?“ Worauf ich so: „Bei dir lagen meine Nerven blank.“
Ich erfuhr was sie beruflich machte, und es wunderte mich nicht so sonderlich. Irgendwie habe ich es sogar gewusst. Bei jeder morgendlichen Busfahrt erfuhr ich mehr über sie, und je mehr ich über sie erfuhr, umso mehr gefiel sie mir. Mit jeden Kilometer den wir im hundertdreißiger abspulten, ein bisschen mehr. Ein schönes Plätzchen ist der nächste Kilometer, der nächste Meter.
Der nächste Meter der nächste Schritt.
Sie sagt: „Es sei immer ein leichtes, Leute anzusprechen die einem nichts bedeuten. Erst wenn ein Gefühl dabei ist, werde es so richtig schwer.“
Ich sag, dass ich mir das sehr gut vorstellen könne. Ich sage: „Hallo, ich bin der so und so und du gehst mir so richtig am Arsch.“ Klar, sag ich so, und dass es wohl kein Problem sei und kichere und zieh noch mal an meiner Kippe und lehne mich zurück
Idiot.
Ein Wind zieht auf, und die Nacht beginnt, die Lichter in den Umliegenden Häusern anzuknipsen. Die erste Strahlung von Straßenlaternen flackernd in den Asphalt zu schießen. Legt sich über die Dächer und Bäume und lässt sie zu schwarzen Konturen verkümmern.
Sie meint, dass es gut möglich sei, dass es zu regnen beginnt.
Ich sag: „Ich finde nicht das du morgens recht düster wirkst.“ Ich sag: Guck mich doch mal an!“ Ich versuche dabei, ihr in die Augen zu sehen, und sie sagt, dass sie den Geruch von aufkommendem Regen liebe. Denn in unsere Gesichter wirbelnden Wind und all das.
Ich sag auch, das ich ganz und gar nicht finde, ihr Gewand sei immer schwarz. Das ich nicht verstehe wie sie darauf kommt, sie könne düster wirken. Ich sag: „Ich finde dich einfach Interessant.“ Und ich frag, ob das denn nicht genug sei.
Sie durchsucht den Nachthimmel und sagt: „Das könnte heftig werden.“
Wir mussten zweihundertzwölf Komma fünf Kilometer im hundertdreißiger zurücklegen, das sind dreizehn Stunden oder vierundzwanzig Schritte ehe sie bereit war, sich mit mir zu treffen. Wir verabredeten uns nach der arbeit im Bus und ich musste dutzende Klingeltöne über mich ergehen lassen, ehe sie sich neben mich setzte.
Ich sag: „Der Abend ist schön.“ und ich flüstere in die von ersten Blitzen durchzuckte Nacht, das ich mich gut fühle. Wie seltsam doch das Leben sein kann. Ich sag auch: „Einfach Cool.“
An was denkt sie?
Wind kommt auf. Kleine Böen bringen über uns die Blätter zum rascheln, erste Regentropfen knallen auf den Tisch vor uns und ich frage mich, ob es ihr auch so egal ist wie mir. Sie sagt: „Ich liebe dieses Wetter.“
Immer diese völlig bescheuerten, oberflächlichen und nichts sagenden Gemeinsamkeiten.
Ich muss plötzlich an ein Zitat Oscar Wildes denken:
Heutzutage kennen die Leute vor allem den Preis und von nichts den Wert.
An den Gedanken daran muss ich lächeln, weis aber nicht so recht warum, deshalb nehme ich noch einen Schluck und steck mir eine Zigarette an. Lehne mich zurück, genieße die frische Brise die durch den Garten fegt und mehr und mehr Tische zu verlassenen und nass glänzenden Holztellern werden lässt. Lichterketten spiegelnd. Kleine gelbe Punkte in immer größer werdenden Pfützen. Wir setzen uns unter ein Flugdach aus Plastik, von deren Rand Wasser schießt wie aus geneigten Hutkrempen. Die Welt klingt wie ein Gedicht welches der Regen auf das Dach trommelt. Der frische Geruch nasser Blätter und voll gesogenem Holz liegt in der feuchten Luft, ist wie elektrisch geladen. Blitze zucken.
Sie ist in wunderschönes Licht getaucht.
Ihre Augen funkeln darin, Wassertropfen glitzern nur weil sie an ihrer Schulter abperlen und sie sagt etwas. Ich möchte ihre Hand berühren. Nicht mehr.
Ich sollte auf der stelle verschwinden, brauch den Scheiß echt nicht. Die frage ist nur, wie du dich bestrafen würdest, also bleib ich. Der einzige Grund.
Sie hat nicht das Geringste damit zu tun.
Das ist nicht Liebe!
Sie sagt: „Wie bitte? Was?“
Ich sag: „Nichts.“ und schüttle nur den Kopf und murmle irgendwas wie: „Vergiss es.“
Wir leeren den Rest unseres Bieres und beschließen zu gehen, schlendern hinein zur Bar und ich deute durch die Tür auf die regennasse Straße. Tausende Wassertropfen knallen Zeitgleich in riesige Pfützen und waschen den Smog aus der Atmosphäre, das grellorange Licht der Straßenbeleuchtung spiegelt sich in kleinen, sich konzentrisch ausbreitenden Kreisen. Autos zischen vorbei, den Scheibenwischer auf Höchstleistung gestellt. Eine Frau mit hochgestellten Kragen läuft geduckt aus der Tür und springt hastig in die Fluten der Nacht um nach wenigen Schritten von ihr klatschnass verschluckt zu werden.
Ich frage sie schmunzelnd, noch immer zur Tür hinaus deutend, ob sie sich sicher sei und bin nicht im Geringsten davon überrascht, dass ihr der Regen egal ist. „Dein Zug fährt leider bald.“ ist tausendmal besser als ein: „Scheiße, meine Haare werden nass.“ Oder: „Ich geh da jetzt nicht hinaus, du weist schon, meine Schminke und so.“
Um Längen besser. Um Galaxien.
Keine möchtegern Diva. Eine Frau.
Also bezahlen wir und stürzen in diese wunderbare Nacht, eine Nacht, die in absehbarer Zeit zu ende sein würde. Viel zu schnell. Die Sekunde prasseln durch die Zeit wie der Regen vom Himmel. Gehen Seite an Seite. Tropfend Nass. Das Gefühl einer verwandten Seele. Fühle mich so frei und losgelöst wie seit Jahren nicht.
Unglaublich. Ich bin ernsthaft … glücklich.
Wie macht sie das?
Das ist nicht Liebe, das ist Sucht.
Mehr als das.
Es ist die Freiheit loszulassen ohne Konsequenzen, ohne der Angst falsch zu handeln oder etwas unehrliches zu sagen, denn dass wird nicht passieren. Ich bin in diesen Moment nicht einmal fähig dazu, weil ich mich auf das wesentliche reduziere. Diesen Augenblick. Denn wenn ich Pech habe, wird es diesen Moment in meinem Leben nie wieder geben. Also versau ihn nicht mit Lügen oder Zweifel oder irgendeinem beschissenen Machogehabe. Las los und genieße ihn. Dazu braucht es noch nicht einmal das flackern eines Wolkenlosen Nachthimmels. Keine Sauteuren Restaurants, blutrote Sportwagen oder den muffig langweiligen Chlorgeruch vor irgendeiner dreizehnbadezimmerscheißvilla. Dazu braucht es nur den Moment. Sich auf das wesentliche zu reduzieren bedeutet vielleicht auch, die Gewissheit, diese unverrückbare Sicherheit zu wissen und aus tiefster Überzeugung zu fühlen das … Was auch immer.
Wir befinden uns viel zu früh am Bahnsteig, studieren den Fahrplan und sie sagt: „Bei mir ist nicht aufgeräumt, aber wir müssen nicht hier im Regen warten.“
Ein schönes Plätzchen ist überall. Mir ist alles Recht. Selbst wenn sich ihre Wohnung auf einen durchtränkten Pappkarton begrenzte, es würde nichts ändern. Wasser läuft von ihren Haaren und ihre Haut glänzt verführerisch und ich müsste Lügen wenn ich behaupte, ich würde das nicht verdammt sexy finden. Was soll’s. Gehört das nicht mit zum Spiel?
Sollte ich den Glanz ihrer Augen in diesem Licht, dem typischen Bahnhofsschein von Neonlampen, Werbebotschaften und Getränkeautomaten absichtlich ignorieren? Die zarten Reflexionen einer Wasserschicht die sich wie eine zweite Haut über ihren Körper legt? Ihr feuchtes, ärmelloses Shirt das sich an ihre Hüften pappt. Ihre wunderschöne Figur betont? Sind das denn nicht die Requisiten im Marionettentheater der Biologie? Bin ich deswegen ein schlechterer Mensch nur weil ich das bemerke? Ich denke nicht.
Ich denke auch nicht an Sex. Nichts ist mir im Augenblick unwichtiger als das. Sie sagt, sie hätte nur noch eine Dose Bier zuhause, worauf ich so mit der Schulter zuck und sag: „Na gut, dann Teilen wir eben.“ Als wäre mir das wichtig.
Ein seltsames Gefühl wenn du durch den strömenden Regen schlenderst und ihn nicht bemerkst. Nicht einen Tropfen. Mir fällt das erst auf, als wir vor der Einganstür zu ihrer Wohnung wurzeln. Regnet es überhaupt noch? Hat sich die Welt nicht auf uns beide beschränkt?
Wir setzten uns auf einen kleinen Teppich und starten den Laptop, hören ihre Musik. Teilen das Bier, sie besteht auf Gläser. Ich sehe einen Balkon auf dem es noch immer wie aus Kübeln gießt. Also doch. Sie hat ihre Beine leicht angewinkelt und stützt sich auf einen Arm, in der zweiten das Glas und in ihrem Blick ein Geheimnis. Streicht sich über ihre nackte Ferse, wie es Frauen so oft machen.
Noch zehn Minuten in ihrer Wohnung oder drei Lieder ehe sie nicht mehr neben mir sitzt. Wir knappern an irgendwelchen Crackern und schlürfen an einem Bier und hören Musik und ich frage mich ob ich ihre Hand nehmen soll. Sie sagt, sie hätte alle CD’s dieser Band und es wundert mich nicht im Geringsten. Sie schneidet und kratzt in ihrer Vergangenheit und ich sage es interessiert mich nicht.
Idiot.
Sie sagt: „Ich will nicht darüber reden.“ aber ich weis wie schwer es sein kann sich zu öffnen. Loszulassen. Vertrauen zu finden.
Wir sind Fremde die zum ersten Mal etwas unternehmen. Was habe ich erwartet?
Noch neun Minuten bis zum eintreffen der S-Bahn und eine halbe Ewigkeit um ein Bedürfnis zu unterdrücken. Oder eine Million quälender Schritte in die falsche Richtung. Zerstörte Träume fallen mir dabei ein. Das Gefühl etwas zu verlieren das sich verstohlen in dein Herz eingeschlichen hat.
Hinterhältig und ungefragt.
Selbstbestimmung und Freiheit des anderen fällt mir dazu ein. Das seltsame Spiel der Trauer ohne Grund oder das unerwartete aufkommen von Hoffnung ohne begreifbaren Zusammenhang. Illusionen.
Sie kauert neben mir, die Beine angewinkelt und in Jeans gehüllt und sagt: „Ja, vielleicht reden wir ein andermal.“ Sie sagt auch, wir hätten noch viel Zeit dazu. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.
Noch acht Minuten neben ihr, das sind nicht einmal zwei Songs.
Sie sitzt neben mir, den Kopf Seitlich an der Schulter liegend und knabbert an einem Cracker rum. Ein paar feuchter Strähnen fallen ihr im leichten Korkenzieherlook ins Gesicht und sie sagt: „Die Dinger sind lecka.“ Sie sagt tatsächlich „lecka.“ nicht „lecker“. Ich sag auch „lecka“, aber bei mir hört sich das nicht so köstlich an.
Mann!
Bevor ich meinen Verstand nun restlos an die leckaren Cracker verliere, konzentriere ich mich internetterweise auf den Fahrplan und sag einfach, das ich jetzt wohl gehen müsste. Ich sag: „Ich denk, ich sollte jetzt wohl schön langsam …“
Noch sieben Minuten und sie sagt: „Ich komme mit.“ Worauf ich so: „Nee, brauchst du wirklich nicht.“ Und sie wieder: „Doch, doch … kein Problem.“ und ich natürlich wieder: „Muss echt nicht … bist dir sicher?“ und Sie darauf ….
Noch fünf Minuten und der Regen hat etwas nachgelassen. In den meisten Wohnungen der Siedlung durch die wir uns schlängeln sind die Lichter erloschen und die Nacht hängt wie ein feuchtkaltes Handtuch an unseren Körpern. Irgendwo bellt ein Hund. Die Luft schmeckt wie frisch gewaschen und irgendwas in meinem Brustkorb spielt völlig verrückt.
Etwas Neues. Längst vergessenes.
Nicht der übliche Druck der mir den Atem nimmt. Ich zittere nicht als würde ein Erdbeben in mir toben. Stärke neun auf der nach oben offenen Verzweiflungsskala. Auch nicht diese Hoffnungslosigkeit die mich ab und an befällt. Diese Leere. Nicht das Bedürfnis alles Hinschmeißen zu wollen.
Und plötzlich begreife ich was ich soeben fühle, kann es kaum glauben.
Wie hat sie das geschafft?
Wir schleichen langsam den Bahnhof entlang, biegen in die Unterführung um auf die andere Seite zu kommen und ich will es ihr sagen. Die Zeit verfliegt. Ich möchte ihre Hände halten und ihr in die Augen sehen. Diesen Moment mit ihr Teilen. Sehe diesen Scheiß Zug.
Mir fehlen die Worte um zu beschreiben was ich ihr sagen will. Die Zeit und all das. Wir stehen am Bahnsteig unter dem surrenden Licht der Leuchtstofflampen und der letzte Zug fährt ein.
Ein Königreich für ein paar Minuten mehr.
Um ihr klarzumachen was ich fühle.
Ich will nach ihren Händen greifen, sie umarmen und fest an mich drücken. In meinem gesamten Körper brodelt ein Biodopamindorphinalin Deodorant, eine Mixtur die mich wahnsinnig werden lässt. Mich zu ihr hinzieht, als ginge von ihr das Erdmagnetfeld aus. Kann ihr kaum widerstehen. Fühlt sie dasselbe wie ich?
An was denkt sie?
Ich kämpfe gegen den Schmerz des Abschieds, gegen die Zeit und der Zug fährt ein. Stoppt kurz vor uns. Ich will meine Hände in die ihren legen und in Augen sehen, in denen sich der Himmel spiegelt. Sie berühren. Ihr diese kleine Haarsträhne hinters Ohr klemmen, und ihr dabei wie unabsichtlich über ihre Wange streichen.
Nichts mehr als das, aber auch nicht weniger.
Wir stehen am Bahnsteig unter orange flackernden Licht, der Regen hat nachgelassen und ich quäle mich mit dem Gedanken, ob ich sie küssen sollte. Ob es alles zerstören würde. Den wunderbarsten Abend seit Jahrmillionen und all das. Zerstören von Freundschaft fällt mir dabei ein. Abschied für immer. Ein leerer Platz im Bus und Ignoranz.
Der nass spiegelnde Zug kauert auf den Schienen vor uns aber eigentlich ist er mir Scheißegal. Sehe nur sie. Ich möchte ihr so viel sagen, so viel erklären und ihre Blicke schweifen wieder und wieder zum Zug. Wir schweigen.
Na los, küss sie. Nur nicht.
Mach keinen Scheiß. Küss sie.
Nur nicht.
Ihr schweigen und ich.
Sehe auf den haltlosen Boden.
Zu ihr.
Kann sie nicht aus den Augen lassen.
Küss sie.
Nur nicht.
Der letzte Rest des Abends.
Der nächste Schritt.
Zu viele Gedanken schalten.
Mein Gehirn auf stand by.
Die letzten Sekunden eines wunderbaren Abends.
Na los, Küss sie.
Nur nicht.
Meine Hand plötzlich in ihren Haaren. Ich ziehe sie zu mir. Versuche sie zu küssen.
Sie sagt: „passt schon … tschüss“
Und ich hetze zum Zug. Lächelnd, weil der Schmerz ihrer Abweisung nicht mehr zulässt.
chris0101 - 12. Aug, 11:46
Donnerstag, 7. August 2008
Alkohol.
Also gut, dann Alkohol.
Wird wohl Zeit das ich das Thema Mal anschneide. Warum auch nicht, schließlich ist nichts einfacher als sich selbst ehrlich zu sein. Sich zu zugestehen damit ein Problem zu haben.
Also gut, hier ist mein Geständnis.
Ich habe …
Obwohl gestern hab ich nichts getrunken, keinen Tropfen. Muss aber auch ehrlich sein, Freitag war ich derart Blau das ich mich beim besten Willen nicht daran erinnern kann, wann ich nach Hause gekommen bin. Wie ins Bett gefallen.
Egal, ausziehen musste ich mich so und so wieder einmal alleine. Wie immer. Da macht es dann schließlich auch nicht die Welt wenn man ab und an Besoffen ist.
Ab und an.
Dermaßen Besoffen nur vom Bier, nichts anderes hast du getrunken, alter Profi. Dermaßen Betrunken das ich nur noch weiß, wir waren bei einem Freund. Freunde, meine Wenigkeit und …. Noch wer? Hab ich gespielt? Ich denke nicht.
Also noch einmal.
So schwer ist das nun wirklich nicht.
Ich habe ein Problem …
Samstag. Mann, was soll’s. Samstag hab ich frei, die Kids waren ausnahmsweise nicht bei mir (der Strand in Kroatien lockte diesmal mehr) und der Rausch vom Vortag reichte noch locker. Wenigstens bis zehn.
Danach musste ich raus. Nicht etwa weil mir die Luft in der Bude zu stickig war, der Sonnenschein zu sehr lockte, die Berge, die Wälder. Frauen. Eine Frau.
Nein. Vielmehr stand ich vor dem Spiegel und bewunderte meine rotgeränderten Augen, den Dreck dahinter, die Wut die in mir kochte. Diesen kleinen Besoffenen Wicht, diesen Vollidioten der vor dem Spiegel steht und sich eigentlich nicht auf die Straße traut. Aus Angst vor Entdeckung. Aus Angst vor der Wahrheit.
Was soll’s, denk ich mir. So schlimm ist es doch überhaupt nicht. Ich klatsch mir ne Überdosis Zahnpaste auf die Bürste und bilde mir ein, danach etwas frischer zu wirken. Eine Schaufel Eiskaltes Wasser ins Gesicht. Irgendein Scheiß Parfüm. Eher Deo.
Den Kamm durch die Haare gewurschtelt. Mann, merkt schon keiner.
Für was? Für eine paar beschissene Bier und eine Flasche Wein.
Für nichts. Für Dreck. Für so einen Vollidioten wie mich.
Sag’s schon, komm, sag’s schon.
Ich … ich habe ein Problem mit ….
Rein in die Klamotten, die Welt dreht sich noch immer, ihr Schwerpunkt scheint sich genau unter mir zu befinden, du kneifst die Augen zu. Geht schon wieder.
Ich lache mich selbst im Spiegel aus obwohl ich schon nicht mehr davor stehe. Ich lache mich schief. Rede mir ein es sei egal. Schließlich sei doch Samstag und du bist alleine zu Hause. Was soll’s also. Mach dir einen schönen Tag und schalte Mal ab. Auch das hast du verdient.
Der Tag wird verschwommen, das merk ich schon als ich in die Schuhe schlüpfe und die Tür hinter mir zuknalle. Ich Atme tief durch. Keiner merkt wie du Scheiße drauf bist.
Am Kien ertaste ich einen neuen Pickel.
Scheiße.
Ich stolpere hastig die Treppen runter, purzle durch die Finsternis in mir und wurzle plötzlich im gleißenden Sonnenlicht. Der Verkehr donnert vorbei. Kinder lachen. Alles ist zu laut.
Ich schieb mir die Hände in die Short und versuche eine gerade Spur zu hinterlassen, so zu tun als sei ich Nüchtern. Als wäre alles Okay.
Keiner Glotzt mich irgendwie an. Irgendwie verdächtig oder so.
Die Salzach gurgelt plötzlich unter mir, irgendwer sagt: „Hallo Schi“
„Hey“ sag ich und kenn sie nicht.
Ich latsch über eine Wiese, danach über den kleinen Parkplatz und fühle mich gut. Kein Stress. Alles Okay. Keiner merkt etwas.
Außer mir. Nur ich merke langsam was los ist.
Ich habe ein Problem mit Alkohol.
Aber nicht heute. Heute ist Samstag, die Kids sind nicht hier, bin wieder Mal alleine. Heute ist Samstag und du machst dir einen schönen Tag.
Ich nehme vier Bier aus dem verschweißten Karton. Ab zwei Dosen zahl ich also für eine nur fünfundfünfzig Cent das Stück. Vier Dosen Bier und ne Flasche Wein um zwei … zehn oder so um den Dreh.
Passt, das ist gut.
Ich steh an der Kasse, wie üblich ist der Kassenzettel bei dem Kunden vor mir zu Ende und muss gewechselt werden. Die Bild schreit über achtzigtausend Tote in China … Tausende in Burma und die Welt weigert sich beharrlich, Kriegsschiffe vor der Küste aufzufahren. Um Hilfe zu erzwingen.
„Hallo?“
Ach ja, merkt doch niemand.
Ich sag auch Hallo.
„Vier sechzig“
Ich kram im Kleingeldfach meiner Geldtasche rum, nach Scheinen brauch ich überhaupt nicht erst zu suchen. Dazu ist das Monat schon zu alt. Das war’s schon, als es eigentlich noch jung war. Was für eine beschissene Dekade. Erst gibt der Kühlschrank seinen Geist auf als hätte er es Gewusst. Als hätte er Gewusst das sie mir drohen den Strom abzudrehen, als wäre er sich dessen Bewusst gewesen dass er Überflüssig sei dieses Monat. Schon verdammt hart ihn zu füllen.
Theoretisch müsste ich auch auf die heutige Party verzichten, ich sollte mir Brot kaufen und Milch und etwas Wurst und Sugo und Nudeln und ich Scheiß drauf. Ich Scheiß einfach drauf.
Was soll’s.
Wenns um die Vernunft geht, tja, wie’s aussieht hat die bei mir irgendwer abgedreht, irgend einen Schalter umgelegt. Ich denk da anders. Nämlich überhaupt nicht. Irgendwie donnert durch meinen Organismus ein Freiheitsgedrängtes Blut oder so. Wahrscheinlich zu wenig Sauerstoff darin um dem Patzen Zellansamlung in meinem Oberstübchen brauchbare Nahrung zu liefern. Jedenfalls hab ich das Gefühl, die Firma Vernunft ist in Konkurs. Schon eine ganze Weile. Schon verdammt lange. Seit Jahren hab ich das Gefühl zu wenig Sauerstoff zu bekommen, an irgendwas zu ersticken. Selten Tage an denen ich frei Atmen kann und der Zehntonner die Güte besitzt, endlich mal von meiner Brust zu Rollen.
„Shit“ sag ich. „Hab wohl zu wenig Geld bei“ sag ich auch. Ist mir aber egal.
„Hmmm … macht nix.“
Ich las ein Bier hier, dann passt schon.
Scheiß auf Spaghetti, kann das Zeug so und so nicht mehr sehen. Ich mach mir heut einen schönen Tag, und damit Pasta. Esse ich eben nichts, was soll’s. Scheiß drauf. Vielleicht klappt’s ja mit dem schreiben, denk ich aber nicht.
Also vier fünfundzwanzig.
Cool. Bleibt genau ein Cent. Einer!
Ich bin auch ein Idiot, was nehm ich mir nicht eine Tasche mit, dann könnt ich mir die Ausgabe für den verdammten Plastiksack auch sparen. Scheiß drauf, echt.
Ich kann die Stecknadelgröße meiner Pupillen regelrecht spüren, der Druck am Rand der Augen der dich bei jeder Bewegung daran erinnert wie besoffen du noch bist. Der dir klarmacht wie tief du dem Alkohol verfallen bist. Sinnlos es abzustreiten.
Zuhause werde ich mir die erste Dose aufreißen, die Musik auf volle Dröhnung stellen und mir einreden es sei ein schöner Tag. Dabei werde ich schreiben. Tausend mal dasselbe. Ich werde schreiben: Ich habe ein Problem mit Alkohol.
chris0101 - 7. Aug, 13:30
Mir ist schlecht.
Im Gehirn rumort es.
Zittrige Hände des Wahnsinns machen es mir beinahe unmöglich die Tastatur vernünftig anzuschlagen. Ich verspiele alles und bin bereit für die Klapse. Lebe im Umkehrsinn der Logik. Das zu wissen und dennoch so weiter zu leben kratzt an meiner Seele, taucht ab in den Verstand um irgendwo in diesem leeren Raum einen Krieg auszufechten, den zu gewinnen es gilt. Um jeden Preis.
Ich kämpfe gegen mich selbst und habe das Gefühl, als würde ich mich selbst vernichten. Ein auswegloser Kampf, ein ewiger Moment des Sterbens. Ein dahin siechen und krabbeln und suchen. Fragend, trinkend, schwer Atmend und mit der Last der Welt in jeder Zelle meines Körpers.
Ich kollabiere.
Sitze in einer Ecke, gehe in den Schatten der Verständnis, fühle Nachtschwarze Gedanken, schmecke den zart bitteren Zorn auf meiner Zunge, rieche den Selbsthass der mich umgibt, koste mit vollen Mund den Selbstzweifel und drohe daran zu ersticken. Könnte damit aufhören das Leben zu hinterfragen und wenigstens versuchen es zu genießen. Ich genieße es. Sollte aufhören mich selbst zu belügen. Genießt du es?
Auf jeden Fall wäre es gelogen zu behaupten, es nicht zu genießen. Mit jedem Atemzug. Beinahe jedem Atemzug. Manchmal wünschte ich mir, ich würde aufhören zu Atmen. Einfach so. Weil es leichter wäre.
Den Kriegsschauplatz fahnenflüchtig zu verlassen und ihm den Rücken zuzuwenden. Die Sache hat nur einen Hacken: Ich müsste die Welt so akzeptieren wie sie ist.
chris0101 - 7. Aug, 13:24
Manche Leute behaupten, es wäre Stress wenn man nach der Arbeit in die Wohnung kommt. Man müsse noch kochen, sagen sie. Man müsse noch die Wäsche in Maschine schmeißen, sagen sie. Den Abwasch machen, die Müll raus bringen, den Boden saugen und wenn es noch geht, die Steuererklärung.
Manche Leute erzählen mir, wie schwer sie es nicht hätten, wie unfair und hart und gemein und hinterhältig das Leben ihnen mitspiele. Das sie kein Geld hätten, zum Beispiel. Oder das sie noch weniger Geld hätten, und das sie noch einkaufen müssen und danach werden sie sich ein Bier gönnen. Weil das Leben doch so und so so hart sei, jeden Tag sagen sie.
Das ihr Chef so ein verlogenes Arschloch ist, schlimmer noch als der seltsame Typ der immer lächelt. Ihr Arbeitskollege. Der Kerl hat sie doch nicht mehr alle, genau wie sie, diese bebrillte Tippse und ihre Freundin. Die mit ihrem neuen Freund mit dem sie ständig angibt.
Manche Leute behaupten das alles.
Einige jammern nur.
Sie jammern mir mein Ohr voll wie teuer doch der Benzin geworden ist. Oder der Diesel. Sie heulen um die Wette wer nicht den höchsten Berg an Rechnungen auf seinem Schreibtisch liegen hätte. Sie machen das Fenster an Fenster. BMW an Mercedes, sozusagen.
Sie jammern im Zug, so flüstern im Bus, sie schimpfen in der Fußgängerzone vor den teuren Läden, in Shoppingzentren vor Sonderangeboten, vor den Kassen mit Wagen voller must have’s, wenn sie in deinen leeren Einkaufswagen starren, wenn sie starren, wenn sie dich anlächeln und wenn sie lügen. Wenn sie so tun als würde es sie interessieren wie es dir geht. Wenn sie über Ausländer schimpfen. Die Schuld tragen immer die Ausländer, wusstest du das nicht?
Manche Leute behaupten, sie hätten es am schwersten erwischt.
Weil im Büro die Klimaanlage ausgefallen ist oder wieder einmal die Glühbirne im Abstellraum. Weil der Eierkocher denn Geist aufgegeben hat und die Hose einer deiner Kinder aufgerissen ist, der Geburtstag eines Freundes vor der Tür steht. Noch schlimmer, noch stressiger, noch mehr Grund zum jammern: der der Freundin.
Oh – mein - Gott!
Was schenken!
Es soll Menschen geben die sind wahrscheinlich glücklich mit ihrem Leben, müssen sie wohl, den ich höre sie nicht jammern. Wenigstens nicht in meinem Land. Nicht hier. Zum Glück.
Diese Ausländer jammern nur via TV über ihren Stress und wie schwer sie es nicht hätten, wie unfair und gemein und hart und hinterhältig das Leben nicht zu ihnen sei.
Sie jammern nicht aus ihrem Audi, nicht in der Schlange vor -10% Sales, nicht hinter ihrem Schreibtisch hervor.
Sie haben den Anstand und heulen aus Wellblechschuppen, verschütteten Dörfern, Überschwemmten Gebieten, unter abgedeckten Dächern hervor. Sie beten im Schlamm, knietief. Sie heulen vor leeren Reisschüsseln und ausgelegten Suppentellern, sie schlagen sich die Fliegen vom Körper und wünschen sich ein Medikament gegen eigentlich alles.
Manche Leute kann man herrlich abschalten.
chris0101 - 7. Aug, 13:20
Ich habe es dieses Mal etwas anders Versucht, etwas anderes.
Ganz entspannt wollte ich es angehen, releaxed, ja, ich hab mir sogar selbst Semmelknödel gedreht. Ich. Knödeldrehen. Unglaublich. Im günstigsten Fall sieht das bei mir so aus: Es gibt nie Knödel, und wenn, und ich mag sie gerne, und wenn, dann solche Fertiggerichtvorgedrehte, völlig Fertig abgedrehte, in hauchdünnen Plastik verschweißte, nur noch in heißes zu Wasser legende Dinger.
Samt Dosengulasch.
Gut, das hatte sich nicht geändert, dass nicht. Jedenfalls wars lecker, und danach hab ich mir ein Bad eingelassen. Wie gesagt, ich wollte es locker angehen, entspannt.
Heiß, sehr Heiß war es das Bad, sozusagen als Ausgleich hab ich mir ein Eiskaltes Bier mitgenommen, aber nur einige wenige Schluck davon genommen. War viel zu heiß dazu.
Ich also drin in der Wanne und mach einen auf Entspannen. Spannend. Irgendwie fuktioniert das nicht bei mir, weiß auch nicht warum. Ständig erzählt mir wer etwas, der kleine Mann in meinem Gehirn, ständig. Ab und an Singt er auch, besonders in letzter Zeit, ist wie ich ein großer REM Fan, der Kerl.
Leave ist angesagt, manchmal auch Losing my Religion. Angeber, der soll mal die Fresse, sonst…
Jedenfalls, so ganz Funktioniert das nicht bei mir, die Sache mit der Entspannung. Da kann ich noch so oft den Kopf unter Wasser, die Stellung der Beine wechseln, an Nackte Frauen denken, alles Sinnlos.
Kann mir bitte mal wer erklären was das für einen Nummer ist, diese Entspannung.
Ich will ja nichts, ich will nur das der Kerl in meinem Kopf verschwindet, das er sich raus hält aus meinem Leben, und wenn schon nicht aus dem Leben, dann bitte, bitte wenigstens dann wenn ich schreibe.
In dem Moment hat er nämlich nichts zu Melden, in dem Moment gibt es nur noch mich. Auch ohne Entspannung. Deshalb schreibe ich vermutlich, weil er dann weg ist. Futsch.
Also noch einmal, wie war das mit der Entspannung?
Ich persönlich finde Knödeldrehen bei weitem relaxter als sich in der Badewanne selbst fertig zu machen, echt.
Und vom schreiben brauch ich hier jetzt nicht erst anfangen.
chris0101 - 7. Aug, 13:16
Also wieder Mal Montag.
Du hockst wieder mal am Bettrand und hältst dir den Kopf, fährst dir durch die Haare und schnaufst wie ein altes Pferd. Also Montag.
Du wurschtelst dich aus dem Bett. Schleppst dich ins Bad und quetscht den letzten Rest der Zahnpasta auf die verbrauchte Bürste, siehst in den Spiegel. Automatisierte Vorgänge. Tagtägliche Routine.
Du lässt das Wasser der Dusche warmlaufen und Pisst in die Schüssel. Sie könnte wieder einmal gereinigt werden, Sonntag. Nein, besser irgendwann unter der Woche. Irgendwann.
Du steigst in die Brause und bemerkst dass du die Glut der Wasserleitungen überschätzt hast, also mischt du etwas Kaltwasser hinzu. Jaaaaa, passt.
Das Wasser läuft dir über die Haare, rinnt dir übers Gesicht, den Nacken entlang. Tropft über den Badewannenrand. Läuft über deinen Körper und du drehst etwas kälter. Du schließt die Augen. Schmeißt dein übermüdetes Gesicht direkt in den morgendlichen Strahl des Erweckens und bewegst dich nicht für einige erfrischende Sekunden.
Das Wochenende fliegt vorbei. Und aus.
Du klatscht dir Shampoo in die Handfläche und verteilst es in den Haaren und Ohren und Augen damit sie rot werden können und drehst dabei den blauen Hahn noch etwas intensiver. Und den roten etwas zurück.
Du nimmst routiniert wie du nun mal bist, dass Duschgel.
Klatscht es auf deinen Körper. Auf deine Brust. Deine Schulter, Oberarme und Schulter. Dann verteilst du es. Zwischen den Beinen nicht vergessen. Nur nicht.
Zack Zack.
Runter damit.
Du regelst die beiden Wasserhähne noch etwas mehr auf kalt. Noch kälter. Genau so.
Dann hältst du dich mit beiden Armen an den milchig weißen Fließen an und betrachtest für einen klitzekleinen Augenblick die nassgrauen Fugen zwischen den viereckigen Platten und das Wasser schießt dir dabei über die Augen um an deiner Nase versammelt in die Tiefe zu stürzen. Du schließt die Augen.
Denkst an schönes.
Und aus.
Du malst dir Dinge aus die dir gefallen und die du gerne machen würdest, solange, bis du wieder einmal darauf kommst, dass es dafür zu viele Ausreden gibt. Zu viele Ausflüchte, Scheingründe, Beschönigungen, Deckmäntel und Vorwände. Also kurbelst du verzweifelt an dem kalten Hahn.
Schaltest die Wärme aus.
Du streckst wieder dein Gesicht in den kalten Erguss und lässt es dir Eiskalt den Rücken runter laufen. Eiskalt.
Wäscht dir das Shampoo aus den Haaren.
Du greifst nach dem Rasierschaum und schmeißt ihn dir ins Gesicht, routiniert wie du nun mal bist, nur an den unteren Teil davon und greifst nach der Klinge.
Gefasst in Metal und grünem und blauen und silbernen drei Klingen Kopfscheißsystem und kratzt dir damit deine Stoppeln aus dem Gesicht. Von oben nach unten, danach von unten nach oben. Von links nach ….
Du kurbelst verzweifelt an dem blauen Knopf. Bis zum Anschlag.
chris0101 - 7. Aug, 13:09